Die Nacht

Genauer gesagt die Nacht vom 7. auf 8. August 1991

sollte für mich eine schicksalsverändernde Nacht werden, die mein Leben bis heute prägt. Es sagt sich so leicht, dass die meisten Veränderungen über Nacht eintreffen, aber wenn sie deinen Lebensplan komplett durcheinanderbringen, ist es mit einer Nacht nicht getan. Vor allem dann nicht wenn man genau weiss,

so wie es war, wird es niemals mehr werden.

Um zu verstehen, was die Nacht damals, für mich, an Veränderung mit sich brachte, ist es von Bedeutung meinen ursprünglichen Lebenstraum bzw. Plan ein stückweit zu kennen.

Mit meinen 17 Jahren, kurz vorm 18. Geburtstag, hatte ich klar vor Augen, was ich mir vom Leben erwartete. In der Liebe hatte ich den Mann an meiner Seite, den ich bereits mit dreizehn anhimmelte und unsere Welt war rosarot. Besser hätte es nicht sein können. Hinzu kam eben, dass ich dabei war meinen Berufswunsch „Kommunikations-Desgnerin“zu verwirklichen. Alle Zeichen hierfür standen auf grün. Die benötigten Vorrausetzungen, Praktikas etc. alle Hürden waren geschafft! Nebenbei hatte ich mehrere Wettbewerbe mit meinen Zeichnungen/Malereien gewonnen und mein ganzer Stolz war zur damaligen Zeit, eine kleine Ausstellung meiner Werke. Ich hatte quasi einen Lauf, sah mich schon erfolgreich in einer Argentur arbeiten. Der einzige Pferdefuss beim Allem waren meine Eltern, allen voran meine Mutter, die meinen Berufswunsch nicht mal annähernd respektierte. Als eines von vier Kindern einer Arbeiterfamilie, sollte ich was „anständiges“ lernen. Für meine Eltern zählte nur eine solide Ausbildung, dennoch hatte ich mich (endlich) durchgesetzt und ließ mich nicht von meinem Ziel abbringen!
Dafür hatte ich in meiner Kindheit und Jugend einfach schon zu viel eingesteckt. Leider konnte ich so auch nicht auf ihre Unterstützung zählen, in keinerlei Hinsicht, dass ein Studium aber auch was kostet, muss ich erst gar nicht weiter erwähnen. Zum Glück bekam ich Bafög, doch damit kam ich nicht wirklich über die Runden und es war mehr als ein Nebenjob nötig. So machte ich wann immer es ging Spätschicht im Supermarkt und abends bis spät nachts kellnerte ich. Morgens ging es dann wieder zu den Vorlesungen. Das war schon eine erschwerliche Zeit,

doch ich wusste um mein Ziel und ließ mich nicht von meinem Weg abbringen, bis zu dieser einen Nacht im August.

Ich war einfach geschafft, ging früh zu Bett, weil ich um den Stress des nächsten Tages wusste. Der Schlaf ließ folglich auch nicht lange auf sich warten. Ich schlief tief und fest, bis ich gegen 4:30 Uhr laut schreiend erwachte, durch einen Wadenkrampf, der an Schmerzintensität unbeschreiblich war und bleibt. Dieser Wadenkrampf, mit all seiner Heftigkeit, war der Anfang von meinem folgendem Schicksal.
Zunächst war ich einfach nur verärgert, dass dieser Krampf mich um den Schlaf gebracht hatte und am Morgen bin ich wie gewohnt zur Hochschule. Nach einer Stunde Zugfahrt, unausgeschlafen und mit schmerzender Wade konnte ich kaum laufen, dabei wollte ich unbedingt pünktlich zur Vorlesung, die anstand. Heute kann ich mich nicht mal mehr daran erinnern, was überhaupt das Thema war, denn mein Bein wurde von Stunde zu Stunde schlimmer – die Schmerzen unerträglich und ich stand völlig neben mir.  Selbst der Professor bemerkte meinen Zustand und riet mir nach Hause zu fahren. Seinen Rat befolgend machte ich mich dann auch auf den Heimweg und entschied mich währenddem kurzfristig zum Arztbesuch.

Dort angekommen ging alles plötzlich recht schnell. Nach der Untersuchung erzählte er mir irgenwas von Thrombose, damit sei nicht zu spassen und ich müsse sofort ins Krankenhaus. Ich hatte keine Ahnung warum die ganze Panik und wollte zunächst gar nicht dahin. Es schien mir alles so unwirklich – trotzdem fand ich mich anschließend im Krankenhaus wieder. Nach etlichen Untersuchungen, voller Hektik, war auch pötzlich mein Vater da.
Man teilte uns mit, dass ich einen Verschluss der tiefen Beinvene von gut 50cm hätte (Phlebothrombose)! Mein Fuss war inzwischen blau und wohl auch nicht mehr so ganz durchblutet. Weiter hieß es, die Diagnose sei akut lebensbedrohlich und man müsste mich unverzüglich in die Uniklink verlegen. Dort wollte man einen operativen Eingriff vornehmen, um mir ein Auffang-Schirmchen am Herzen einzusetzen. Das war der Plan und so ging es für mich in die Uniklinik, aber trotz, dass die OP vorbereitet war, wurde sie nicht mehr durchgeführt, dafür war es schon zu spät. In der Zwischenzeit hatte sich das Blutgerinnsel gelöst und
ich kam mir vor wie ein Fisch auf dem Land.

Ich bekam keine Luft mehr, um mich herum noch mehr Panik und ich verstand die Welt nicht mehr. Ich wurde intensivmedizinisch versorgt bzw. überwacht, denn ich hatte eine Lungenembolie und ausser abwarten konnte man nichts mehr tun. Die Ärzte waren wenig optimistisch und rieten mir zu stillhalten, damit ich überhaupt eine Überlebenschance hätte.
So folgten für mich Stunden voller Todesangst – in denen ich Gott anflehte mich nicht sterben zu lassen.

Ich wollte nicht sterben – ich wollte leben!

So lag ich da mit meiner Angst, Angst vor dem Tod, Angst im nächsten Augenblick mein Leben zu verlieren und ich fühlte mich hilflos, verlassen und vor allem alleine! Keine Schwester, kein Pfleger hatte Zeit für mich – um meine Hand zu halten, mir einfach in meiner Angst beizustehen. Stattdessen bot man mir Beruhigungsmittel bzw. Schlafmittel an, die ich immer wieder ablehnte.
Alles was ich zu dem Zeitpunkt wollte, war eine Hand die meine hält.

Während dieser Stunden in denen ich um mein Leben bangte, wurde mir bewusst, dass wenn ich überleben würde, ich genau das tun würde wozu niemand in dieser Nacht in der Lage war! Letzendlich habe ich überlebt, was für die damaligen Ärzte ein Wunder für sich war und bleibt!
Medizinisch war und ist es nicht zu erklären wie ich überleben konnte, doch für mich war eine Erlärung auch zu keiner Zeit nötig. Mir war während der drei Monate Krankenhaus und den anschließenden drei Monaten Reha einzig und alleine wichtig gesund zu werden und es „besser zu machen“! Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los und ich war beschäftigt mit der Suche nach dessen Umsetzung und genau die Umsetzung hat mein Leben von da an grundlegend verändert. Mein Wunsch Kommunikationsdesignerin zu werden wurde nichtig und ich bin nie mehr zurück zur Uni, habe seither keine eigenen „Werke“ mehr zu Papier gebracht, stattdessen habe ich den Gedanken verwirklicht „für andere da zu sein“ indem ich eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht habe – Schwerpunkt und Examen Onkologie, mit anschliessender Weiterbildung zur Sterbebegeiterin.

Heute kann ich sagen, meine Angst vor dem Tod, hat mich zu den Sterbenden geführt, mein Beruf ist meine Berufung. Ich habe unzählige Hände gehalten und Seelen auf ihrem Weg begleitet, immer in der Hoffnung, dass sie sich nie so alleine fühlen, mit ihren Ängsten, wie ich mich damals.

Letzten Endes habe ich mittlerweile viel erlebt. Vieles wird für immer unerklärlich bleiben. Selbst wenn der Tod, das Sterben mich immer wieder fordern, das nicht meine einzige persönliche Erfahrung mit dem Tod geblieben ist, da ich dem Jenseits zwischenzeitlich noch viel näher war, hadere ich nicht mit meinem Schicksal. Ich versuche seither jede Erfahrung als eine Art Bereicherung zu sehen, die in sich selbst auch immer ein bisschen Wunder versteckt und inzwischen hat dieses

„Carpe diem“ und „Lebe jetzt“

ein ganz besondern Stellenwert für mich!

LEBEN

 

Werbung

2 Kommentare zu „Die Nacht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s