Ein Wagnis

ist es tatsächlich für mich, über meine „Arbeit mit Sterbenden“ zu schreiben.“

Meine Unsicherheit falsch oder wohlmöglich gar nicht verstanden zu werden, im schlimmsten Fall sogar für verrückt erklärt zu werden, begleitet mich hierbei mit jedem Wort. Andererseits ein bisschen anders als normal bin ich ja ohnehin…

Das trifft sicherlich auch auf meine persönliche Einstellung zur Arbeit zu. Arbeit ist für mich noch lange nicht gleich Arbeit. Krankenpflege, in meinem Fall Sterbebegleitung, ist schon was anderes als nur (s)einen Job zu erledigen. Für mich heißt das vielmehr auf eine gewisse Art und Weise mit Menschen in Beziehung zu treten – Sie auf ihrem Weg zu begleiten, zu unterstützen, Ihnen und ihren Angehörigen Kraft, Mut und Zuversicht zu geben.

Ja, ich fühle mit…

fühle mich in das „Leid“ der Menschen ein und bin da. Das geht schon ein stückweit über normale Pflege hinaus, bringt jede Menge Mehrarbeit, sowie Überstunden  mit sich und doch ist es für mich absolut selbstverständlich, solange ich selbst „nur“ mitfühle und nicht mitleide. Meine Arbeit in dem Bereich, der Umgang mit dem Tod scheint wohl meine Berufung zu sein, denn mitfühlen und begleiten fällt mir relativ leicht, weshalb ich auch mit Patienten recht schnell „in Beziehung“ treten kann. Ohne eine entsprechende Bindung, wäre es mir zweifelsohne nicht möglich, den Bedürfnissen jedes Einzeln gerecht zu werden bzw. auf diese einzugehen.

Besonders da der Tod eine ganz persönliche Angelegenheit ist und bleibt, die einfach tiefes Vertrauen voraussetzt.

Wie sollen Sterbendende sich fallen lassen, loslassen – ohne Vertrauen in die Person, die wahrscheinlich zur Sterbestunde anwesend sein wird und den letzten Weg begleitet? So kommt es, dass ich viel, sehr viel mit „meinen Patienten“ rede, scherze und wir uns eben vertraut werden. Oftmal erfahre ich indes Dinge, wie „Lebens-Geheimnisse“ die weder Partner, noch die Familie oder Freunde kennen. Das schweißt schon irgendwie zusammen und so werden wir im besten Fall „Verbündete“, auch gegenüber dem Tod. Genau das macht es mir zum Zeitpunkt des Abschieds leichter im Sinne des Sterbenden zu handeln. Ja, ich maße es mir sogar an behaupten, dass ich ein Gespür dafür entwickle, was der Patient gerade braucht. Ich habe es beispielsweise quasi im Gespür, ob er lieber Ruhe möchte und alleine sein will oder ob er seine Familie um sich möchte und eher den Trubel um sich sucht.

Diese Art der Pflege, Menschen so zu begleiten ist für mich selbst eine große Bereicherung, da die Patienten mir unglaublich viel zurückgeben. Alleine ein Lächeln, mit den Worten „Jetzt geht die Sonne auf“, wenn ich in ein Patientenzimmer komme, gibt mir ein unbeschreiblich gutes Gefühl und die Kraft eben nicht mitzuleiden.

Bis hierher stehe ich mit mehr als 150% zu meiner Arbeit…

Wären da nicht diese unerklärlichen Erfahrunen, die sich mit der Zeit einstellten. Anfangs habe ich „sowas“ einfach verdrängt, es als Hirngespinst abgetan. Was mit der Zeit leider nicht mehr möglich war/ist. Nur zu gut erinnere ich mich an den ersten dieser „Vorfälle“, welcher mir noch heute durch Mark und Knochen fährt, obwohl ich zwischenzeitlich viel erfahrener darin bin, auch durch meine eigene Nahtod-Erfahrung. Ich wurde „Gott sei Dank“ erfolgreich wiederbelebt, doch zurück zu meiner allerersten Erfahrung durch einen Patienten:

Ich muss vorwegnehmen, dass Herr K. einer meiner ganz besonderen Patienten war, da er (genau wie ich) sehr humorvoll war und wir zusammen viel Blödsinn im Sinn hatten. So konnte ich es mir auch erlauben ihn zu „ärgern“. Nur zu gerne habe ich ihn, zum Beispiel, schreckhaft aus dem Schlaf geweckt und auch sonst, wenn es die Situation gerade hergab, nur zu gerne erschrocken, immer begleitet mit den Worten: „Also Herr K. wer so schreckhaft ist, der hat kein gutes Gewissen.“ Worauf wir beide in ein Lachen übergegangen sind und er mir jedes Mal entgegnete:“ Wer von uns ein reines Gewissen hat, das wird sich noch zeigen.“ Auf Station war es Herr K.  in all den Wochen seines Aufenthalts nicht gelungen mich zu erschrecken. Im Gegensatz dazu, neckte ich ihn mit meinem „guten Gewissen“. Herr K. aber gelang es dann doch noch, nach einem meiner freien Wochenenden zu Hause. Ich war gerade dabei mich im Bad fertig zu machen, für den Frühdienst. In aller Ruhe stand ich vorm Spiegelschrank und föhnte mir die Haare, als mir pötzlich aus dem Nichts eine Haarspray Dose um die Ohren flog. Man war das ein Schreck und ich war wacher als wach! Ich zitterte, so sehr hatte mich dieses blöde Haarspray erschrocken. Während ich dabei war mich zu beruhigen, sah ich vor meinem geistigen Auge Herr K., der mich regelrecht auslachte und meinte:“Na, mein Mädchen wer hat denn jetzt hier das schlechte Gewissen?“ Puh, dachte ich, was war das denn bitte? Was für ein unnötig wirrer „Gedanke“ doch irgendwie blieb ich weiterhin leicht irritiert. Dementsprechend saß ich kurze Zeit später im Schwesternzimmer, bei der Übergabe. Dieser Wochenbeginn war mir von diesem Zeitpunkt an einfach suspekt und der Montag wollte wohl nicht mein Feund werden. Die Bestätigung bekam ich auch unverzüglich, denn die Nachtwache sprach mich persönlich an mit den Worten:“ Du deine Woche wird leider weniger schön anfangen, dein Herr K. ist heute früh von uns gegangen…“ Mehr nahm ich zunächst nicht mehr wahr, ich verstand die Welt so gar nicht mehr. Herr K. war tot und zum zweiten Mal an diesem Morgen war ich unangenehm „überrascht“.

War das Zufall? Oder? Konnte es etwa möglich sein, dass Herr K. sich auf diese Weise von mir verabschieden wollte?

Irgendwie war dieser Morgen seltsam unerklärlich und ist es bis heute…

auch wenn das erst der Anfang war, von unzähligen solcher Erfahrungen. Diese erste Erfahrung, hatte auf ihre Art und Weise, sogar noch ihren Witz und war ja eigentlich harmlos. Anders aber meine Geistesblitze und Eingebungen die mich seither begleiten und sich nur zu oft verwirklichen, aber auch damit muss ich leben. Ich betrachte es im entferntesten Sinne als kleines Wunder, als eine Gabe die ich vielleicht irgendwo im Gefühl habe, die man als Intuition bezeichnen könnte, das nimmt mir jedenfalls ein wenig den „Schrecken“ von dem was ich selbst nicht erklären kann…

 

Wer jetzt denkt DIE (Nelly) ist doch nicht mehr normal, die hat einen Knall, so ist das letztendlich auch okay, denn auch das bin Ich und aus meiner Haut kann und will ich gar nicht.

Ich bin ich

mit all‘ meinen Seiten, ob nun einfühlsam, sensibel oder eben verrückt, vielleicht gerade auch deshalb ein kleines bisschen sonderbar, aber mindestens gleichermassen wunderbar bzw. viel mehr wunderbar, als sonderbar und zudem mutig genug um mich euch „anzuvertrauen“…

zumindest bis zu diesem Beitrag O.o

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2 Kommentare zu „Ein Wagnis

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